Folge 5: Gurus oder die Frage…

Wem nutzt die Vernunft?

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Bisher ging es um die Verbindung der Sozialisten, der Vegetarier und der Impfgegner zur so genannten „spirituellen Evolution“, einem Grundgedanken der Esoterik. In dieser Folge wagen wir den Sprung von Europa nach Indien.

Auf der Corona-Demo am 29. August 2020 in Berlin erregte ein Mann im orangefarbenem Gewand Aufsehen, als er dort gegen ein „empirisch-logisch-positivistisches“ Weltbild predigte und damit in gewisser Weise die Welt dazu aufforderte, den Verstand zu verlieren. Er war Engländer und eigenen Angaben nach ein Anhänger der 1966 in Indien gegründeten Hare-Krishna-Bewegung. Ein junger Reporter der Bildzeitung sorgte damals für Amüsement, als er lapidar feststellte, dass er diesen Harry Krischner nicht kenne. Aber Hare Krishna ist natürlich kein Mann, sondern der indische Gott Vishnu und die Hare-Krishna-Bewegung ist ein relativ junges Ergebnis der Geschichte des religiösen Austausches zwischen Indien und „dem Westen“. Nicht erst die Hippies gingen nach Indien, um dort spirituellen Lehrern zu lauschen, die Esoteriker des 19. Jahrhunderts kamen ihnen um fast 100 Jahre zuvor. Und bereits um 1900 wurde die Kritik an Logik und Empirismus gerade in diesem Umfeld laut. Damals begannen Esoteriker, dafür zu argumentieren, dass man den Verstand aufgeben müsse, um wirklich zu verstehen.

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Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts galt Indien für Europa und Nordamerika als das Land der spirituellen Erleuchtung. Dies lag unter anderem an den philosophischen Texten antiker indischer Schriftsteller, die durch die Kolonialisierung des indischen Subkontinents zunehmend ihren Weg in den Westen fanden. Diese wiesen oft erstaunliche inhaltliche Ähnlichkeiten zu den philosophischen Texten der Aufklärung auf. Man kam also zu dem Schluss, dass die religiösen Gelehrten Indiens die Ideen der Aufklärung bereits um Jahrhunderte vorweggenommen hatten. Zudem waren viele Menschen, die die schrecklichen Umstände des neuen industriellen Fleischkonsums und der medizinischen Tierversuche anprangerten, beeindruckt von der vegetarischen Lebensweise der Brahmanen, der indischen Priesterkaste, und sahen diese als Beleg für das fortschrittliche Denken der Inder an. Dazu kamen noch neue Erkenntnisse aus der Sprachwissenschaft. Aus heutiger Sicht ist das kaum noch vorstellbar, aber die Sprachwissenschaft galt im 19. Jahrhundert als eine der modernsten und vielversprechendsten aller Wissenschaften. Ähnlich wie wir es uns heute von der Physik oder der Neurologie versprechen, trauten die Menschen des 19. Jahrhunderts der Sprachwissenschaft zu, das Geheimnis vom Ursprung der Menschheit zu lüften. Und dieser Ursprung schien in Indien zu liegen. Denn die Sprachwissenschaft konnte zeigen, dass indische und europäische Sprachen verwandt waren, es also eine indogermanische Sprachfamilie gab. Diese Verwandtschaft wurde auf eine gemeinsame arische Ursprache zurückgeführt, die sich über Indien und den Iran bis nach Europa ausgebreitet habe, was die Europäer zu Nachfahren der indischen Weisen machte, die sie so bewunderten.

Und schließlich kamen den Menschen noch die erstaunlichen Berichte von indischen Fakiren zu Ohren, die auf Nagelbetten schliefen, ohne sich zu verletzten, die mit Schlangen sprechen und die Zukunft vorhersagen konnten. In Indien schien möglich zu sein, was andernorts unmöglich war.

Es gab also viele Gründe, Indien und seine Religionen zu bewundern. Hinduismus und Buddhismus galten unter vielen Esoterikern als Religionen des wissenschaftlichen und spirituellen Fortschritts zugleich, die die alte Weisheit der Inder und ihr Wissen um die Kräfte der Seele mit der modernen Wissenschaft des Westens in Einklang bringen würden.

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Für die Rezeption der indischen Religionen in Europa und den USA war maßgeblich die esoterische Theosophische Gesellschaft verantwortlich. Die Theosophische Gesellschaft war 1875 in New York gegründet worden. Im Jahr 1878 verlegte sie ihr Hauptquartier nach Indien, auch wenn sie bald schon Mitglieder auf der ganzen Welt haben würde.

Die Gründerin der Theosophischen Gesellschaft Helena Blavatsky prägte in ihren Büchern einige der Narrative, die bis heute in zahlreichen esoterischen Publikationen zu finden sind, so etwa die Lehre von den Menschheitszeitaltern und die moderne Version des Mythos von Atlantis. Blavatsky behauptete, ihre Erkenntnisse dem geheimen Buch Dzyan entnommen zu haben, das im tiefsten Herzen Tibets verborgen liege.

Helena Petrovna Blavatsky, 1877.

Der Fokus der Theosophen auf Indien gefiel allerdings nicht allen Mitgliedern außerhalb Indiens. In Deutschland protestierte ein führendes Mitglied gegen das Hauptquartier und 1912 spaltete sich mit ihm schließlich eine größere Gruppe ab. Es handelte sich um Rudolf Steiner und die neue Anthroposophische Gesellschaft.

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Unter anderem die Theosophen waren auch dafür verantwortlich, dass die Evolutionstheorie mit der Karmalehre verknüpft wurde, was ja zentrale esoterische Argumente für den Vegetarismus und gegen das Impfen hervorgebracht hat. Der Kontakt mit Indien führte auch dazu, dass das Verhältnis zwischen Geist und Materie mit dem indischen Konzept von Maya, der Weltillusion, beschrieben wurde. Allein die geistige Welt, hieß es, sei real und wirklich. Die Materie sei dem Geist nicht nur unterlegen, sondern die materielle Welt, wie wir sie mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen, existiere eigentlich gar nicht, sie sei nur eine Einbildung des Geistes. Der Geist aber sei in der WeltIllusion gefangen und müsse sich von ihr befreien, was dann zur Erleuchtung führen werde. Eine gute Methode dafür sei Yoga. Während die Reinhaltung des Körper-Tempels als Voraussetzung für die Erleuchtung galt, galt Yoga als der Weg dorthin.

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Das Argument von der WeltIllusion Maya findet sich zum Beispiel in einem Artikel eines jungen deutschen Indologen und Theosophen namens Friedrich Otto Schrader aus dem Jahr 1904. In dem Artikel mit dem Titel Maya-Lehre und Kantianismus kritisiert Schrader die Vernunftversessenheit des so genannten „Kantianismus“, also der philosophischen Strömung, die sich auf die Schriften Immanuel Kants bezieht. Da Kant als der deutsche Philosoph galt, steckte in Schraders Text auch eine gute Portion Kritik am deutschen Mainstream-Denken. Schraders Argument lautete, dass die Vernunft ja nur aus Erfahrungen mit der Welt aufgebaut werden könne. Wenn die Welt aber gar nicht echt sei, sondern eben die Maya, eine Illusion, bezog sich auch die Vernunft auf eine Illusion und konnte keine wahre Erkenntnis bringen. Damit hatte Schrader Immanuel Kants Vernunftbegriff zwar völlig missverstanden, aber diese Ablehnung der Vernunft wurde von vielen Esoterikern vertreten. Sie plädierten dafür, dem Gefühl den Vorzug vor der Vernunft zu geben, denn das Gefühl sei es, das wahre Erkenntnis bringe. In Deutschland bezogen viele Esoteriker sich dabei auf Goethe, der den Faust hatte sagen lassen:

Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen.“

Und auch Goethes Mephistopheles hatte ein paar Verse beizutragen, die Esoterikern gut gefielen. Mephisto sagt:

„Damit erkenn ich den gelehrten Herrn!

Was Ihr nicht tastet, steht Euch meilenfern

Was Ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar;

Was Ihr nicht rechnet, glaubt Ihr, sey nicht wahr!“

Vernunft galt in der Esoterik zunehmend nicht mehr als Kriterium für Wahrheit. Wahrheit, hieß es, müsse erspürt werden, gefühlt werden. Dazu aber sei nicht jeder gleichermaßen in der Lage. Nur wer in der spirituellen Evolution weit genug fortgeschritten sei, könne die Wahrheit begreifen. Wer weiterhin auf die Vernunft poche, der brauche eben noch ein paar Reinkarnationsrunden, bis er verstehen würde.

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Von 1905 bis 1920 war Friedrich Otto Schrader der Bibliothekar der esoterischen Theosophischen Gesellschaft in Indien, bevor er nach dem ersten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrte und dort Professor für Indologie an der Universität Kiel wurde.

Einer seiner Kollegen an der theosophischen Bibliothek in Indien war ein indischer Brahmane namens Ganapdhi Krishna Sastri, der die gleiche Ansicht vertrat wie Schrader.

Für Inder gab es allerdings noch andere Gründe, die Vernunft als die höchste Prämisse für die Wahrheit abzulehnen, wie in Sastris Schriften deutlich wird. Für Ganapdhi Krishna Sastri war der Fokus auf die Vernunft, wie sie zentral für eine westliche Bildung war, eine Form des Kolonialismus. Damit lag er nicht falsch. Bildungsprogramme, die von den Kolonialmächten eingeführt wurden, waren natürlich dazu gedacht, die kolonialisierten Länder auf Linie zu bringen und ihnen ihre aus westlicher Sicht „schlechten Angewohnheiten“, ihre „Leichtgläubigkeit“ und ihre „Barbarei“ abzugewöhnen. Zwar schätzte man die alten philosophischen Texte Indiens in Europa sehr, doch waren es Europäer, die darüber entschieden, was davon gut war und was Unsinn, was davon gelesen, verlegt und unterrichtet werden sollte und was nicht. Außerdem waren Europäer und Amerikaner auf schriftliche Quellen fixiert. Nur Wissen, das in Buchform existierte, war ihnen etwas wert. Sie waren die Bibel gewohnt, die ihre eigene Religion wie eine Klammer zusammenhielt. Die Theosophen zauberten deshalb das Buch Dzyan als Beleg für ihre Lehren aus dem Hut. Aber eigentlich ist die Niederschrift der Kultur in einem einheitlichen Buch eher der kulturelle Sonderfall. In Indien existierte eine Vielzahl ganz verschiedener Geschichten und Lehren und einige davon wurden nur mündlich weitergegeben. Über deren Wert wollten Inder selbst entscheiden und zwar nach ihren eigenen Kriterien. Vernunft, schrieb Sastri, sei in der indischen Weisheit nicht das zentrale Kriterium. Während der Westen die Wissenschaft habe, besäße Indien eine wertvollere spirituelle Weisheit, die man vor allem über die mündliche Tradition erlernen müsse und die nicht Vernunft, sondern viel eher Praxis und Übung erfordere. Westliche Bildung verhindere sogar die Erkenntnis, da sie zu einem krankhaften Skeptizismus führe. Die indischen Gelehrten seien den europäischen um Längen voraus. Vielleicht gebe es ein paar Europäer, die mit viel Unterricht und der Hilfe eines Brahmanen spirituelle Weisheit erlangen könnten, aber ihre westliche Bildung sei dabei ein gewaltiger Hemmschuh. Natürlich geht es hier um einen Machtkampf. Sastri drehte die Argumente, die die Briten über Jahrhunderte gegen die indische Bevölkerung verwendet hatten, um, und versuchte, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Er verließ später die Theosophische Gesellschaft und engagierte sich für die Unabhängigkeit Indiens.

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Der indische Einfluss wirkte aber zurück auf den Westen und so begannen auch Menschen im Westen, spirituelle Erkenntnis zu suchen. So wollten den Körper und den Verstand und damit auch die materialistische Welt überwinden. Sie wollten frei sein von den oft starren gesellschaftlichen Normen, so wie Indien von den englischen Kolonisatoren frei sein wollte. Die Kolonialismus-Kritik wurde auch zur Kritik am eigenen Staat.

Während der Corona-Krise wird immer wieder darauf hingewiesen, dass wir vernünftig sein und uns an die Regeln halten sollen. Wer aber ohnehin das Gefühl hat, in einer oppressiven Vernunft-Diktatur zu leben, der wird zum Widerstand aufrufen. Für diejenigen, die der geistigen Welt einen hohen Stellenwert einräumen, ist ja gerade der von allen guten Geistern verlassen, der sich allein auf seine fünf Sinne verlässt.

Warum Rechtsextreme sich in diesem Punkt mit linken Hippies und indische Gurus einig sind, das erfahren Sie in der nächsten Folge.

Quellen:

Helena Petrovna Blavatsky. The Secret Doctrine. The Synthesis of Science, Religion and Philosophy, 3 Bände. London/New York/Madras: The Theosophical Publishing Society, 1893.

Friedrich Otto Schrader. Maya-Lehre und Kantianismus. Berlin: Paul Raatz, 1904.

Joachim Friedrich Sprockhoff Friedrich Otto Schrader zum Gedächtnis. Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 113, Nr. 1 (1963), 1-11.

Veröffentlicht von Judith Bodendörfer

Religionswissenschaftlerin

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